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"Wer außer Russland soll die Osseten schützen?"

 

Die georgische Agression gegen Südossetien

Medienexperte aus Nordossetien zur Eskalation im Kaukasus

Im Westen war das Volk der Osseten bisher kaum bekannt. heute.de sprach mit dem in Nordossetien geborenen Ruslan Bekurow: Über den Konflikt in Südossetien, Flüchtlingsströme und verzerrte Berichterstattung.


Heute.de: Herr Bekurow, Sie stammen aus der Republik Nordossetien, die zur Russischen Föderation gehört. Der Großteil ihrer Familie und Verwandten lebt immer noch in ihrer Geburtsstadt Wladikawkas, der Hauptstadt der Republik. Was berichten sie Ihnen von dort?

Ruslan Bekurow: Ich habe fast 25 Jahre dort gelebt; dass meine Heimat einmal so traurige Berühmtheit erlangen würde, hätte ich nicht gedacht. Natürlich stehe ich ständig in Kontakt mit meiner Familie. In der Stadt sind mittlerweile über 30.000 Flüchtlinge; zur Grenze mit Südossetien sind es ja nur 40 Minuten mit dem Auto. Mein Vater ist Arzt in einem Militärkrankenhaus; er arbeitet rund um die Uhr und spricht von einer humanitären Katastrophe. Mein Bruder, ebenfalls Arzt, ist gerade aus den Ferien zurückgerufen worden. Mit den tausenden von Verletzten sind die wenigen Krankenhäuser überfordert. Über 2000 Menschen sind gestorben und es herrschen Nervosität und Anspannung: Viele Männer aus dem Kaukasus versuchen über die Grenze nach Südossetien zu kommen, um dort ihre Leute zu verteidigen. Die Grenze in die Richtung ist geschlossen, aber viele schaffen es trotzdem rüber.

Heute.de: Wie russisch fühlen sich die Osseten in diesen Tagen?

Bekurow: Die meisten Osseten sind gewöhnlich keine großen Anhänger der Kreml-Politik. Und uns lieben die Russen ja auch nicht gerade: Auf der Straße in St. Petersburg muss ich oft meine Papiere zeigen, nur weil ich kaukasisch aussehe - also dunkle Haare habe. Aber in dieser Katastrophe sehen die Osseten in den Russen eine kleinere Gefahr als in den Georgiern. Wer außer Russland soll die Osseten jetzt noch schützen? Russland mag in der Vergangenheit strategische und wirtschaftliche Interessen im Kaukasus verfolgt haben und wird es künftig tun. Aber nach dieser Eskalation spielten die keine Rolle mehr, da bin ich sicher. Es gab keine Alternative, nachdem Georgien angefangen hat mit dieser grausamen Offensive - auch mit Raketenangriffen.

Heute.de: Genau über diese Frage herrscht aber ja große Uneinigkeit: Im russischen Staatsfernsehen wird ständig von "kriegerischer Aggression Georgiens" gegenüber Südossetien gesprochen. In Georgien wiederum wird Russland die Schuld an der Eskalation gegeben. In Deutschland hält sich die Mehrzahl der Kommentatoren und Politiker angesichts der Unüberschaubarkeit der Lage mit Schuldzuweisungen zurück, sondern appelliert an beide Länder, die Militäraktionen einzustellen. Sie lehren Internationalen Journalismus - haben Sie die Berichterstattung westlicher Medien über den Konflikt verfolgt?

Bekurow: In Ländern wie Deutschland und Frankreich scheinen sich die Medien Mühe zu geben, den Konflikt zu verstehen und ausgewogen zu berichten - das sagen auch meine Kollegen. Aber vor allem über CNN und auch über die BBC bin ich schockiert. Da sind im Bild ganz klar georgische Kampfjets zu sehen - im Text wird von russischen gesprochen. Und wenn im Bild ossetische Tote sind, spricht der Reporter von georgischen Opfern. Wenn ich das sehe, fühle ich mich hilflos. Ich weiß, es ist sinnlos und es klingt lächerlich, aber ich habe sogar E-Mails an CNN und BBC geschrieben mit der Bitte, mal einen einzigen Osseten - sei es aus dem Norden oder Süden - zu Wort kommen zu lassen, anstatt Russland von Anfang an zu beschuldigen.

Heute.de: Glauben Sie nicht, dass da jemand in den TV-Redaktionen im Aktualitätsdruck die Bilder falsch zugeordnet oder interpretiert haben könnte?

Bekurow: Nein. So offensichtliche Fehler kann man nicht machen. Das ist Absicht. Die Osseten haben in den Augen der Weltöffentlichkeit die falschen Helfer und werden deshalb voreilig als Separatisten abgestempelt. Aber meiner Meinung nach ist es das erste Mal in der modernen Geschichte, dass Russland in den Kaukasus nicht als Angreifer kommt, sondern um die Menschen zu verteidigen. Ich sage es noch mal: Georgien hat angefangen mit den Angriffen.

heute.de: Angesichts des medialen Einschwörens gegen den "Aggressor Georgien" in den russischen TV-Nachrichten fühlt man sich als westlicher Zuschauer allerdings auch ein wenig unwohl - geschweige denn umfassend informiert.

Bekurow: Natürlich ist das russische Fernsehen mindestens genauso schlimm, das bestreite ich nicht. Obwohl es mich sehr wundert, dass dort sogar georgische Soldaten zu Wort kommen - ich hatte vom Staatsfernsehen noch mehr russische Propaganda erwartet. Als unabhängige Informationsquelle taugt es sicher nicht. Zwischen Russland und Georgien hat nun mal auch ein Informationskrieg begonnen. Aber wenn sich die russischen und georgischen Fernsehsender so aufführen, dürfen die westlichen Medien ihnen das nicht nachmachen. Ich hatte mir mehr von ihnen erhofft.

heute.de: Rechnen die Menschen in Nord- und Südossetien mit einem schnellen Ende des Konfliktes - was hören Sie aus Ihrer Heimat?

Bekurow: Die meisten erwarten, dass der Konflikt noch vier bis fünf Jahre anhält. Und leider muss man künftig wohl mit direkten Angriffen durch Südossetier in Georgien rechnen - die Situation wird so eskalieren wie damals Tschetschenien, Ich kenne die Mentalität der Südosseten nur zu gut. Viele werden sich rächen wollen für den Tod ihrer Mütter, Väter und Kinder.


Das Interview führte Mareike Aden.

 




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